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Schafe machen süchtig

Schafe sind kein seltenes Bild rund um Gengenbach, wo einige im Nebenerwerb dem ältesten Beruf der Welt nachgehen. Wie Reinhard Bischler, Schäfer aus Leidenschaft und das seit über 40 Jahren.

Text: Gudrun Schillack, Fotos: Dieter Wissing

Wir waren an der Schafweide verabredet. Dort, wo am Bach die Libellen und Schmetterlinge Wasserballett tanzen und die Bienen sich emsig von Blüte zu Blüte hangeln. Ich schließe die Augen, verliere mich in ihrem leisen Summen, genieße für den Moment stilles Glück... Welche eine Idylle denke ich, als ich Schäfer und Schafe die Wiese herunterkommen sehe...

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Idylle? Für Reinhard Bischler ist es mehr eine Leidenschaft, die unspektakulär begann. Ausgeholfen hat er mal, da war er gerade mal 18 Jahre alt, berichtet er. Es ist eine Leidenschaft daraus geworden. Zur Schäferei, zur Arbeit mit den Schafen, zur Arbeit mit den Hunden. Mit Anton, dem Hüterhund, seinem treuen Begleiter. Er hält die Herde zusammen, treibt sie in den Pferch, arbeitet auf Kommando und eng mit seinem Herrn zusammen, begleitet ihn auf Schritt und Tritt. Im Gegensatz zu seinen Schafen hat der Hüterhund einen Namen. Ludwig beispielsweise, an den nur noch ein Bild im Flur erinnert oder Anton, der bald in Ruhestand geht. „Hunde zeigen uns, wenn sie nicht mehr arbeiten möchten“. Als ob er es versteht, hebt Anton ein Auge, seufzt tief und lässt den Kopf wieder auf die Pfoten sinken...

Ganz anders da der Herdenschutzhund, der 24 Stunden bei den Schafen lebt, sozusagen „ein Kumpel, einer von den ihren ist“, so Bischler. 200 Mutterschafe, im Frühjahr ca. 400 Schafe sind es im Schnitt, über die der Herdenschutzhund zu wachen hat. Und es könnten noch mehr sein, so Bischler, denn die Nachfrage ist groß. Fleisch aus der Region ist gefragt, besonders das der jungen Lämmer. „Weil man weiß, dass man hier beste Qualität bekommt“, so der Schäfer voller Überzeugung.

Spätestens jetzt hat die Arbeit des Schäfers nichts mehr mit Idylle zu tun. Im Gegenteil. Urlaub, Auszeit, wer Schafe hat, kennt das nicht. Auch Reinhard Bischler macht jeden Tag, meist morgens bevor er zur Arbeit in der Stadtgärtnerei Gengenbach geht, bei seinen Schafen Halt, um nach dem Rechten zu schauen. Weidezaun kontrollieren im Sommer, bei Verletzungen Wunden prüfen, regelmäßig Kotproben ziehen, denn die Verwurmung, so Bischler sei ein großes Problem. Ebenso wie bei großer Hitze der Madenbefall von Verletzungen oder die Goldfliege, die auch an gesunde Körper geht. Oder bevor die Tiere aus dem Winterquartier auf die Weide gehen Check-up wie Klauen schneiden, Tiere entwurmen, sie auf Parasiten behandeln. „Vorsorge ist wichtig, um Schlimmes zu verhindern“, so die Devise von Bischler, der übrigens auch beim Futter peinlich genau hinschaut und, wie er stolz erzählt, rund 50 Prozent eigenes Futter verfüttern kann, „garantiert genfrei.“

Wir brauchen Schafe zur Landschaftspflege und zum Naturschutz

Latzhose, Hemd, Hände, die schon viel Arbeit gesehen haben: Reinhard Bischler ist Naturbursche, zupackend, einer, den nicht so schnell was umhaut. Wenn er über seine Schafe spricht hat man jedoch den Eindruck, als ob er von seinen Kindern erzählt. Kinder ohne Namen bis auf ein Schaf, das „Kindergartenschaf“. Kindergartenkinder haben es für sich entdeckt und dem Schäfer abgerungen, dass dieses Schaf nie geschlachtet werden darf. Regelmäßig besuchen sie ihren vierbeinigen Freund, der seitdem einen Sonderstatus im Stall hat. So wie das älteste Schaf, über 16 Jahre alt und Mutter von 23 Lämmlein, so Reinhard Bischler. Keine Frage, er ist stolz auf seine Schafe und er gibt unumwunden zu „Schafe machen süchtig“.

Auch wenn die Schäferei zu den ältesten Gewerben der Welt gehört, zu den gefragtesten Berufen zählt sie heute sicher nicht. Dabei brauchen wir Schafe dringend, zur Landschaftspflege und zum Naturschutz. Um dies ins Bewusstsein zu rufen, ist Reinhard Bischler im Sommer regelmäßig im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof zu Gast. Erzählt, dass Schafe scheren einmal im Jahr Gesetz und Pflicht ist, erzählt davon, welch Knochenjob das ist, wenn man am Tag rund 100 Schafe zu scheren hat, erzählt von seiner Arbeit mit den Schafen, zu Hause in Fußbach nahe Gengenbach, dort, wo die Schafweiden direkt hinter den Häusern liegen und das Blöken der Schafe zum täglichen Ritual gehört.

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Die Wanderschäferei mit Schäferkarren als traditionelles Wohnmobil ist Geschichte, die stationäre Schäferei ist im Vormarsch, so Reinhard Bischler. Und noch etwas ist neu: Es sind mehr Frauen als Männer, die sich für den Beruf interessieren. Eines ist allerdings aus der Zeit der Schäferromantik geblieben: „Man hilft sich untereinander, Konkurrenzdenken gibt es nicht. Denn, wenn man sich nicht hilft, ist man 365 Tage gebunden.“ Der Beruf des Schäfers ist heute ein Ausbildungsberuf, bei dem am Ende „Tierwirt mit Fachrichtung Schäferei“ steht. Wissen über die Tiere, ihre Haltung, ihre Pflege, die Weidewirtschaft, die Futtergewinnung und die Aufzucht stehen dabei ebenso auf dem Lehrplan wie das Thema Hütehunde, deren Eigenarten und die besondere Hütetechnik. Und nicht zu vergessen das Wissen um Naturschutz und Landschaftspflege und betriebswirtschaftliche Kenntnisse, schließlich gilt es auch die Produkte Fleisch, Milch und Wolle erfolgreich zu vermarkten.

Schäfer verbindet die Liebe zum Tier, ob im Hauptberuf oder als Nebenerwerb. Ingesamt rund 178.000 Schafe werden derzeit noch in Baden-Württemberg in den Ställen und auf den Weiden von rund 180 hauptberuflichen und 20 Wanderschäfern gezählt. Das scheint viel und täuscht doch nicht darüber hinweg, dass die Schäferei stark rückläufig ist. Hoher Zeitaufwand, wenig Freizeit und ein meist geringer Verdienst schrecken ab. Wer sich trotzdem für den Beruf entscheidet, ist ihm für immer verfallen, ist Reinhard Bischler überzeugt. „Der Föhrenbach-Vater ist mit 85 Jahren noch mit der Herde mit gelaufen“. Sprach’s und lächelte und dachte wohl auch ein bisschen an sich, der „weitermachen will bis es nicht mehr geht, wenn auch in der Rente ein wenig lockererer“. Dann schultert er ein Schaf und zieht mit seiner Herde wieder die Wiese hoch, wo diese nicht nur saftiges Grün, sondern oben unter den Bäumen auch ein schattiges Plätzchen finden. Ein schönes Bild, eben doch ein wenig Idylle, die uns so gut tut...